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Ausgabe 7-2012
Gentrifizierung – Auf der Jagd nach einem Phantom?
Die aktuelle Debatte um Verdrängung, Armut und Wohnungsleerstand in Leipzig. Von Jan-Henning Koch
„Leipzig ist nicht Berlin oder München.“ Dieser Satz ist in den letzten Tagen häufig zu hören, wenn es um das Thema Gentrifizierung geht. Führen wir bei einem nach wie vor hohen Wohnungsleerstand und einem vergleichsweise niedrigen Mietpreisspiegel in Leipzig eine Scheindebatte?
Einfach genommen, beschreibt der Begriff Gentrifizierung die Verdrängung von ärmeren Bewohnerschichten durch reichere. Für Karsten Gerkens vom städtischen Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung ist das, was in Leipzig aber „fälschlicherweise als Gentrifizierung bezeichnet wird“, oft nichts anderes als „das Ende eines Notprogramms, aus den Zeiten in denen wir einem Einwohnerverlust von 100.000 Menschen begegnen mussten“. Das Überangebot habe die Preise gedrückt. Damals „gab es, auch in besten Lagen, jede Menge Leerstand“, so Gerkens. „Back to normal, würde der Engländer sagen.“
Da das Durchschnittseinkommen in Leipzig relativ niedrig sei, könnte aber bereits eine „kleine sozialräumliche Veränderung, durch Steigung der Mieten, erhebliche Folgen haben“, beschreibt Jürgen Kasek, Leipziger Vorstandssprecher von Bündnis 90/Die Grünen eine folgenreiche Problematik. Und die Kernfrage der sozialen Durchmischung von Stadtteilen stelle sich für ihn bereits heute. „Wir führen in Leipzig eine andere Debatte als in Berlin oder Hamburg. Gleichwohl ist es notwendig die Debatte zu führen“, sagt er.
Sabine N. (Name geändert, die Red.) sitzt auf dem Dach ihres erst kürzlich erworbenen Mehrfamilienhauses. Sie hat sich mit acht anderen Wohnungssuchenden für ein Hausprojekt zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und ein sanierungsbedürftiges Altbau-Objekt in Lindenau gekauft. Über den Kaltmietpreis wird nun der aufgenommene Hauskredit abbezahlt. „So kann man wenigstens sicher gehen, dass der Mietpreis gleich bleibt“, sagt sie. Erst kürzlich, so berichtet sie, hatte eine befreundete Kleinfamilie in Schleußig mit einer Mietpreissteigerung von 20 Prozent zu kämpfen. „Selbst Mietsteigerungen von ein paar Cent pro Quadratmeter sind für manche nur schwer zu verkraften“, sagt sie. Und auch deshalb sei es wichtig, den Diskurs nicht nach dem „aktuellen Hype im Sande verlaufen zu lassen, sondern Zeichen zu setzen und weiter über die Stadtentwicklung zu reden“.
Eine dezidierte Beschäftigung mit dem Problem vor allem auch im Leipziger Westen forderte Dieter Rink, Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und stellvertretender Leiter des Departments Stadt- und Umweltsoziologie, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema bereits am 14. Februar dieses Jahres im UT Connewitz. Seiner Meinung nach sollten sozialwissenschaftliche Studien durchgeführt werden, die den Sachverhalt in Zahlen kleiden könnten. Die Verhältnisse seien nicht wie in Hamburg oder München, aber vielleicht seien sie „noch nicht so“, mahnt er. Deshalb mache es Sinn, sich jetzt damit zu beschäftigen. Durch Zuzug in bestimmten Vierteln sei ein Verdrängungsdruck entstanden, so Rink weiter. Und auch er sagt, dass bei einer Armutspopulation in Leipzig von fast 30 Prozent eine Mietsteigerung von nur 20 bis 30 Cent pro Quadratmeter ein Problem sei oder zu einem Problem werden könne.
Man müsse sich aber auch darüber im Klaren sein, dass man Stadt und Gebäude nur mit Mieten erhalten könne, mit denen man die „Aufwendungen für Modernisierung und Instandsetzung auch refinanzieren kann“, so Karsten Gerkens vom Amt der Stadt. Auch für ihn liegt eine der möglichen Lösungen darin, „eigenständig zu handeln, auch wirtschaftlich“. Man werde dafür die Unterstützungsangebote für Aktive mit unterschiedlicher finanzieller Ausstattung von Seiten der Stadt weiterentwickeln und sich konsequent der Entwicklung preisgünstiger Angebote widmen.
Kasek von Bündnis 90/Die Grünen hat allerdings die Befürchtung, dass die Stadt sich aufgrund klammer Kassen zu sehr von finanziellen Erwägungen leiten lasse. Dabei verweist er auch auf den nicht unumstrittenen städtischen Immobilienverkauf an einen privaten Investor in der Windmühlenstraße vor erst einigen Monaten, der maßgeblich zum Aufkeimen der aktuellen Gentrifizierungsdebatte in Leipzig beigetragen hat. Die Stadt gebe dadurch unnötig Handlungsmöglichkeiten aus der Hand. „Dies ist ein gefährlicher Prozess“, sagt er. „Dadurch erreicht man vielleicht im Ergebnis zunächst einen ausgeglichen Haushalt, gibt aber gleichzeitig Steuerungsmöglichkeiten ab und schafft Folgeprobleme.“ Aufgrund der Tatsache, dass Leipzig im Wohnungsmarkt immer noch etwa 30.000 leere Wohnungen hat, gebe es aber noch ausreichend Spielraum, so Kasek.