Werbung
Ausgabe 6-2011
Kühles Bier und Clara Zetkin
Die Geschichte des Felsenkellers. Von Eva Mahnke
„Nächster Halt: Felsenkeller“, ertönt es kurz vor der Kreuzung Zschochersche Straße/ Karl-Heine-Straße aus dem Lautsprecher der Straßenbahn. Felsenkeller?, fragt sich gelegentlich einer, der mit der Linie 14 um die Kurve holpert. Welcher Felsen eigentlich? Und was für ein Keller? Die Antwort hat mit Bier zu tun. Bier, das auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Sommerhitze gut gekühlt am besten schmeckte. So, wie auch heute, strömten die Städter an schönen Tagen aufs Land hinaus, um sich dort bei einem kühlen Getränk zu erholen. „Aufs Land“, das war damals nicht ganz so weit draußen wie heute, sondern genau hier. Noch in den 1840er Jahren war Plagwitz eine eigenständige Gemeinde vor den Toren der Stadt, gelegen auf einer Anhöhe mit guter Aussicht „über die Wiesen nach Leipzig hin“. Über einfache Wege gelangte man durch die Elsteraue und den Auwald in das Dorf, das damals keine 500 Einwohner zählte.
Kühles Bier und gute Aussicht
Zu dieser Zeit kaufte der Brauereimeister Carl Wilhelm Naumann ein hügeliges Stück Land. Er ließ einen Keller in den Hügel aus Felsgestein schlagen und lagerte dort sein Bier ein. Gekühlt wurde der „Felsenkeller“ das ganze Jahr über mit großen Eisblöcken, die im Winter aus dem Eis der Elster und eigens angelegten Teichen geschlagen wurden. Über dem Keller errichtete Naumann 1844 ein „Etablissement“, den Vorläufer des heutigen Felsenkellers. Auf Grund seiner guten Aussicht auf Elsteraue und Leipziger Stadtsilhouette wurde der Ort schnell zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Leipziger. Neben kühlem Bier wurden Sommertheater-Aufführungen, „Concerte“ und Ballonaufstiege zum Amüsement geboten.
In den folgenden Jahrzehnten brachte der Industriepionier Dr. Carl Erdmann Heine nicht nur einen Kanal, die Industrialisierung und die Verstädterung der westlichen Vororte nach Leipzig, sondern, damit verbunden, auch einen rasanten Bevölkerungszuwachs. Als Plagwitz 1890 eingemeindet wurde, lebten hier schon 13.000 Menschen. Mit der zunehmenden Verstädterung der ursprünglichen Ortschaften etablierte sich als Alternative zum Leipziger Zentrum in den Vierteln eine ganz eigene Vergnügungsszene, zu der auch der „Felsenkeller“ mit regelmäßigen Theateraufführungen beitrug. 1889 erhielten die Architekten Schmidt & Johlige, Erbauer des heutigen Commerzbank-Gebäudes gegenüber der Thomaskirche, deshalb von der Brauerei Naumann den Auftrag, unweit des alten einen neuen Felsenkeller zu bauen. Diese Vergnügungsstätte, mit Platz für 1.000 Gäste, erhielt die heute noch erhaltene neobarocke Fassade, einen Ballsaal, ein eigenes Restaurant und sogar einen Kinderspielplatz.
Treffpunkt der Arbeiterbewegung
Mehr als durch seine Vergnügungsarchitektur war der industrialisierte Westen aber durch Armut, äußerst beengte Wohnverhältnisse und durch unzumutbare Lebens- und Arbeitsbedingungen geprägt. Die politisch sehr aktive Leipziger Arbeiterbewegung nutzte die großen Säle des Felsenkellers, um hier ihre Versammlungen abzuhalten. Mit dabei so zentrale Akteure wie Clara Zetkin, Hermann Liebmann und Ernst Thälmann.
Ein wichtiger Treffpunkt und Versammlungsort blieb der Felsenkeller über viele Jahre hinweg. Hier fanden in der DDR die Versammlungen des Stadtbezirks, Tanzstunden, Faschingsveranstaltungen und zweimal jährlich der Messeball statt. „Zu den Veranstaltungen standen die da richtig Schlange“, erinnert sich eine langjährige Bewohnerin der Josephstraße. Das Gebäude beherbergte außerdem eine Gaststätte, in dem sich Arbeitende im Viertel regelmäßig zur Mittagspause trafen. Nach der Wende wurde es vorübergehend still im Gebäude. Die Räume dienten als Verkaufsfläche für Polstermöbel und lockten nur noch Leute an, die es sich zu Hause gemütlich machen wollten. 2005 wurde mit der Sanierung des Felsenkellers begonnen, der seitdem mit Ausstellungen und Konzerten wieder als Veranstaltungsort dient.
www.proleipzig-buecher.de