Stadtteilzeitung
für Leipzig.
3VIERTEL
VERLAG
MEDIADATEN
Kind & Kegel
"Die Angst der spielenden Kinder"
Portrait
Raduan Miladi

Ausgabe


Termine

vom:

bis:

Werbung

Artikel twittern
Artikel twittern
Ausgabe 5-2011

Von der Industrierevolution zum Stadtwald

Von der Industrierevolution zum Stadtwald
Der ehemalige Güterbahnhof Plagwitz wird grün. Von Frank Willberg

Dr. Ernst Carl Erdmann Heine ist, vielleicht nicht mit vollem Namen, eine der meist zitierten Persönlichkeiten im Leipziger Westen. Und alle haben „seinen“ Kanal und das Meer von Fabriken in den Industriedörfern Lindenau und Plagwitz im Sinn. Zu Recht. Im Schatten der allgemeinen Erinnerung allerdings steht der Bahnhof Plagwitz. Die gegenwärtigen und bevorstehenden Veränderungen am Haltepunkt rücken mit Nachdruck auch einen historischen Rückblick auf die Agenda.

Der bei seiner Eröffnung am 20. Oktober 1873 Plagwitz-Lindenau geheißene Bahnhof wird an die gegenwärtig neu entstehende Brücke über die Karl-Heine-Straße verschoben. Das einst größte Rangiergelände Leipzigs ist längst Geschichte und soll einem urbanen Wald weichen. Die übrig bleibende Gleistrasse gabelt sich südwärts in Richtung Zeitz und Grünau. In der Güterlagerhalle Ost bahnen sich nach dem Verkauf ähnlich den Zollschuppen Wohnnutzungen an.
Die grüne Entwicklungsplanung ringsum folgt stadtökologischen Argumenten und will gleichzeitig positive Impulse in die angrenzenden Stadtteile tragen, so Stefan Geiss, Abteilungsleiter des Amtes für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung. Eine Koordinierungsrunde von sechs beteiligten Ämtern hat zusammen mit der Initiative Bürgerbahnhof Plagwitz einiges erreicht. Jetzt wird es konkret: 450.000 Euro aus dem EFRE-Fördermittelfond sind für den ehemaligen Güterbahnhof reserviert, der 2012 im nördlichen Abschnitt ergrünen, Wegeverbindungen erhalten und verschiedene Projekten beleben soll. Ein Themenabend Ende April stellte die Weichen für die Planungswerkstatt im Mai. Mit starker Bürgerbeteiligung werden weitere Entwürfe sprießen, die ein Landschaftsarchitekturbüro küren wird. Derzeit stehen drei mögliche Architekturbüros gegeneinander im Wettbewerb. Parallel sind die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn zu einem gemeinsamen Rahmenplan gediehen. Die Entwidmung der Noch-Bahnflächen sowie der Vertragsabschluss zwischen der Bahn und der Stadt Leipzig sind fast fragezeichenfrei.

Und einst wächst Gras auch über diese Schicht

Was für ein erneuter, kontrastreicher Wandel! Als vor beinahe hundertvierzig Jahren die zunächst private, dann Königlich Preußische Eisenbahn ihre Dampfrösser nach Plagwitz und Lindenau lenkte, waren die beiden Gemeinden praktisch noch „grüne Wiese“ vor den westlichen Toren Leipzigs – durch Sumpf- und Auenlandschaft von der Stadt geschieden und eine eigenständige Gemeinde. Es war an jenem berühmten Gutsbesitzersohn Karl Heine, ausgedehnte Ackerflächen zu erwerben, mit Straßen zu versehen und als Bauland zu erschließen. 1864 kam der erste Kanalabschnitt, 1871 die erste große Eisengießereien ein Jahr später kam die Pferdebahnlinie nach Plagwitz, die 1896 elektrifiziert wurde.

Heine handelte mit den Regierungen Preußens und Sachsens erst Gleisanschlussverträge aus, legte für nicht weniger als siebenunddreißig Fabriken Schienenanschlüsse und drei Ladestellen für den öffentlichen Güterverkehr ließ Heine ebenfalls bauen. Der Bahnhof Plagwitz-Lindenau war 1873 der erste Industriebahnhof Europas. Plagwitz und Lindenau, 1891 eingemeindet, machten mit ihren Gewerbegebieten und ihrer Infrastruktur Leipzig zum Vorreiter der deutschen Industrialisierung.

Daran konnte auch der „Eisenbahnkrieg“ nicht rütteln, der bis 1902 die Preußischen und Sächsischen Eisenbahnen verfeindete. Die Gleisnetze und -anlagen der Kontrahenten waren lange penibel getrennt, die jeweiligen Anbindungen schwierig und im Rückblick höchst verwirrend: Der Bahnhof Plagwitz war, gleich dem späteren Hauptbahnhof, ein Hybrid mit einem sächsischen und einem preußischen Teil. Die Hauptstrecke preußisch, Sekundärverbindungen sächsisch. Exemplarisch die Güterstrecke zwischen Connewitz und Plagwitz: Teilweise in sächsischer, und preußischer Hand ehe die Königlich Sächsische eine neue Verbindungsbahn durch Schleußig und die Nonne baute, die im Süden bei Lößnig wiederum von der Bayerischen Eisenbahn abzweigte.

Heute werden am Bahnhof Plagwitz keine Industrieunternehmen mit idealen Transportwegen angesiedelt. Die neue Kombination will Wohnquartiere nicht mit Arbeitsstätten verbinden, sondern für Lebensqualität und grünen Freiraum sorgen.
Meine Idee: Bürger, die sich beteiligen möchten, haben die Möglichkeit eine Interessensbekundung an das Quartiersmanagement Leipziger Westen zu senden.

www.leipziger-westen.de
www.stiftung-ecken-wecken.de
www.zollschuppenverein.de