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Ausgabe 11-2011
Wohnsinn
Hausprojekte im Leipziger Westen – Teil 1. Von Trendela Braun
Das kleine Fach im Kühlschrank, Putzpläne und WG-Treffen am Küchentisch – viele Wohngemeinschaftserprobte legen diese Erfahrungen als Begleiterscheinung der Studentenzeit mit Einzug in die eigene Wohnung zu den Akten. Die eigenen vier Wände und Schluss mit fremden Abwaschbergen – trautes Heim, Glück allein.
Und doch – es gibt Menschen, die mehr wollen. Mehr Wohn-Gemeinschaft, mehr Abstimmung, mehr gemeinsames Wirtschaften über die eigene Familie hinaus. Hausprojekte sind oft mit einem verbindlicheren Zusammenleben verbunden, weniger aus Kostengründen, als aus dem Wunsch heraus, solidarisch und selbstverwaltet leben und arbeiten zu können. Sei es, um einander helfend beizustehen, zum Beispiel in Mehrgenerationenprojekten, oder um kulturell zu wirken – es geht darum, Lebensentwürfe zu entwickeln und zu erproben.
Als Gebot der Stunde gilt oft auch die größere Unabhängigkeit vom Finanzmarkt als ein wichtiger Faktor. Indem ein von einer Hausprojekt-Gruppe erworbenes Gebäude in Gemeineigentum übergeht, steht es nicht mehr für Spekulationen und Gewinnmaximierung auf dem Immobilienmarkt zur Verfügung, sondern bietet bezahlbaren Raum für Menschen mit wenig Geld, für kulturelle und politische Initiativen. Gruppen, die so einen Schritt nicht in Eigenregie gehen wollen, steht das Mietshäusersyndikat zur Seite: Ein Zusammenschluss aus über 70 Hausprojekten mit Sitz in Freiburg berät auf dem Weg zum gemeinschaftlichen Eigentum und unterstützt neue Initiativen rechtlich und finanziell.
Ohne Titel
Ebenfalls mit dem Mietshäusersyndikat zusammen, entsteht in der von mehreren Hausprojekten belebten Zollschuppenstraße, in der Nummer 1, ein neues Hausprojekt. Bislang ohne offiziellen Namen haben sich Ende August ein knappes Dutzend Menschen an die Sanierung ihrer neuen Bleibe gemacht. Sie sollen am Beginn der neuen 3Viertel-Reihe stehen, die nun monatlich ein Hausprojekt im Leipziger Westen vorstellt.
Wie habt ihr als Gruppe zusammengefunden? Wie kam es zu dem Haus?
Peter (der sich gern unter diesem Pseudonym lesen möchte): Die Gruppe gibt es schon seit circa zwei Jahren und ist mit der Zeit auf 11 Personen angewachsen. Sie hat ihren Ursprung im Wächterhaus-Umfeld. Da wir gern mit unserem Projekt in den Leipziger Westen wollten, stand das Haus schon lange auf der Liste der potentiellen Kaufobjekte. Nach langem Hin und Her haben wir uns dann gemeinsam entschieden, die Zollschuppenstraße 1 als Gemeinschaftseigentum zu kaufen.
Was ist eure Motivation, dieses Hausprojekt zu gründen?
Peter: Wir haben natürlich alle unterschiedliche Motivationen, an diesem Hausprojekt mitzuwirken, aber ich glaube, uns eint der Wille, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das kein reines „Schöner-Wohnen-Projekt“ ist, sondern welches auch öffentliche Räume bietet, durch die im Stadtteil und darüber hinaus gewirkt werden kann. Diese Räume sollen einmal genutzt werden, um Platz für politische Veranstaltungen, Diskussionen und Soziokultur zu haben und um emanzipatorischen Vereinen und Gruppen Raum für ihre Aktivitäten zu bieten. Es ist uns sehr wichtig, mit diesen Räumen einen Freiraum zu schaffen, in dem die herrschenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse hinterfragt und kritisiert werden können und die Gelegenheit bieten, Alternativen zu erdenken und auszuprobieren. Die Utopie konkretisieren, sozusagen. Um dies voranzutreiben und gleichzeitig ein Zeichen gegen diese Zustände zu setzen, sind wir Mitglied im Mietshäusersyndikat, das absichert, dass unser Haus für immer ein Hausprojekt im Gemeinschaftseigentum bleiben wird.
Ihr seid jetzt in der Bauphase?
Ja, wir haben soeben einen neuen Dachstuhl und das Haus ist gedeckt. Uns ist wichtig, dass das Haus möglichst ökologisch saniert wird und dass die Miete trotzdem sozialverträglich gehalten wird, ein wahrer Drahtseilakt.
Wie sind eure Entscheidungsfindungsstrukturen?
Peter: Basisdemokratisch mit Konsensentscheidung. Wir übergehen keine Bedenken und versuchen die Bedürfnisse aller im Projekt soweit es geht zu berücksichtigen. Das ist nicht immer einfach, aber für uns alternativlos.
Wie kann man mehr über euch erfahren oder euch unterstützen?
Peter: Ihr könnt uns eine E-mail an h.p.zosch@gmx.net schreiben. Ihr könnt uns auch finanziell mit Direktkrediten unterstützen oder auch einfach vorbeikommen und beim Bauen helfen, wenn euch das Projekt gefällt.
www.syndikat.org