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Ausgabe 11-2010

Viel Pionier

Viel Pionier
Was sich im Einzelnen „A und V Projekt- und Hörgalerie“, „Kuhturm“, „Kunstraum D21“, „Lalülala“, „Ortloff“, „Panipanama“, „Praline“, „Fugitiv“, „Studio Plusnull“ sowie „Hinz und Kunz“ nennt, ist gemeinsam das Netzwerk unabhängiger Kunsträume Leipzig Lindenau.

Nach vorangegangenem Netzwerken 2008 namentlich ins Leben gerufen, verstehen sich die Kunsträume als Plattform für zeitgenössische Positionen, produzieren, präsentieren, diskutieren. Letzteres springt dem Betrachter nicht unmittelbar ins kundige Auge, ist jedoch essentieller Bestandteil und vielmals Ausgangspunkt entstehender Arbeiten. Woraus Max Frisch seinerzeit ein ganzes Buch fertigte, ist hier zwar ungedruckt, doch in aller Munde – unbeantwortete Fragen. Etwa hinsichtlich innerer und äußerer Struktur, der Funktionalität und tatsächlichen Unabhängigkeit so benannter Kunsträume.

Die Arbeitsweise als ausdrücklich nicht kommerzielle Kunsträume sind in einer Umgebung wie Lindenau scheinbar unabdingbar, da der Konsum von käuflicher Kunst kaum wem möglich ist.

Von außen betrachtet ähneln die Lebensbedingungen der Betreiber eines Lindenauer Kunstraumes denen eines Spirituosenhändlers auf der Lützner Straße – Kapital für größere Investitionen ist nicht vorhanden, die Lage bestimmt der niedrige Mietpreis und angesichts vielmals unsicherer und zudem ungeschützter Einkommensverhältnisse ist die Bezeichnung Prekariat nachbarschaftsübergreifend zutreffend.

In Hinblick auf eine inhaltlich unterschiedliche Ausgestaltung gegebener Bedingungen inmitten des gleichen kotbestückten Pflasters Lindenau könne man vorschnell meinen, hiesige NetzwerkerInnen sind ein spinnerter Mikrokosmos, denn – wäre beispielsweise die Eröffnung eines weiteren An- und Verkaufs nicht lebenspraktischer als eine „AundV Projekt- und Hörgalerie“?
An dieser Stelle schwenkt der Pionier sein Fähnchen.
Die Ansiedlung der Kunsträume des unabhängigen Netzwerkes Lindenau stieß den Aufwertungsprozess im Viertel an, schuf kulturelle Attraktivität und eine positive Kommunikation über den Stadtteil.
Mit dieser Revitalisierung gerät man automatisch in die Rolle von Wegbereitern für einen Gentrifizierungsprozess, wie er hier vielerorts vernehmbar ist.

Bereitet wird der Weg für finanzstarke Gentrifier, welche in einem nun aufgehübschten Viertel sanierungswerte Immobilien an jeder Ecke blinken sehen.

Was also passiert mit einem Netzwerk? Wird man weggentrifiziert, da Mieten unerschwinglich? Passt die eigene Intention von Autonomie bald nicht mehr zu einem Umfeld, was die Stadt gern als Kunstzeile ordentlich ausgeschildert haben will? Oder bringt eine Kulturbahn in Kürze Heerscharen zahlungskräftiges Publikum nach Lindenau und Unkommerzialität wird neu verhandelt?

Obgleich nicht der Photosynthese mächtig, weisen die Lindenauer NetzwerkerInnen frappierende Ähnlichkeit mit der sogenannten Pionierpflanze auf.
Von der heißt es, sie tritt in neu geschaffenen Lebensräumen weit häufiger auf als in alteingesessenen und benötigt für ihr Überleben stetig neue Pionier-Habiate.

Die Pflanze wird in einem Sukzessionsprozess von anderen Arten verdrängt, der Raumpionier durch vergoldete Bürgersteige? So einfach ist die Sache sicher nicht und klar beantworten lässt sich der Ausgang neuerer Entwicklung in Lindenau keineswegs.

Bis „es“ so weit ist oder nie so weit kommt, arbeiten die rund 10 Kunsträume eifrig weiter an einzelnen und kollektiven Projekten, denn - anstelle von wirtschaftlichen Interessen besteht der Zusammenhalt allein aus der gemeinsamen Idee heraus und dem Bestreben, diese voranzubringen.